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Einladung #129

#129 kinokis mikrokino präsentiert: Hito Steyerl
NOVEMBER
Dienstag 1.11.2005, 20:00, freier Eintritt.
depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien, http://www.depot.or.at/
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November
Hito Steyerl, A/D 2004, Schnitt: Stefan Landorf, Assistenz: Yasmina Dekkar.
Englische Originalfassung, 25 Minuten, DVD.

“An age that has lost its gestures is, for this reason, obsessed by them. For human beings who have lost every sense of naturalness, each single gesture becomes a destiny. And the more gestures lose their ease under the action of invisible powers, the more life becomes indecipherable”. (Agamben 2000:53)

Meine beste Freundin als ich 17 war, hiess Andrea. Wolf. 1998 wurde sie als kurdische Terroristin in Ostanatolien erschossen. In Deutschland wurde sie gesucht. Sie wurde verdächtigt, die Rote Armee Fraktion bei der kompletten Zersörung des Abschiebegefängnisses in Weiterstadt unterstützt zu haben. 1996 beschloß sie, nach Kurdistan
zu gehen, um sich der Frauenarmee der PKK anzuschliessen. Sie nahm den Namen Ronahi an, und trainierte für einige Monate mit der Frauenarmee, meist in Lagern in Nordirak. Im Oktober 1998 wurde ihre Einheit von der türkischen Armee nah an der irakischen Grenze aufgespürt. Ein schweres Gefecht fand statt. Nur einige der Kämpfer
überlebten. Sie waren unter schwerem Helikopterbeschuss. Die meisten Überlebenden versteckten sich in einem Erdloch. Später erzählt eine dieser Zeuginnen, Andrea sei nach ihrer Gefangennahme, vermutlich durch Angehörige der türkischen Sicherheitskräfte, exekutiert worden.

“Gesture is the name of this intersection between life and art, act and power, general and particular, text and execution. It is a moment of life subtracted from the context of individual biography as well as the moment of art subtracted from the neutrality of aesthetics: it is pure praxis.” (Agamben 2000:79)

Der Film November stellt die Frage nach dem, was heute Terrorismus genannt wird an und früher Internationalismus genannt wurde. Die Arbeit untersucht die Gesten und Posen, die damit in Verbindung stehen, und ihr Verhältnis zur Populärkultur, vor allem dem Kino. Der Ausgangspunkt des Films ist ein feministischer Kungfu-Film, den
Andrea Wolf und ich zusammen auf S-8 drehten, als wir 17 Jahre alt waren. Jetzt ist dieser Amateurtrashfilm plötzlich ein Dokument geworden. November ist kein Film über Andrea Wolf. November ist kein Film über die Situation in Kurdistan. Er reflektiert stattdessen die Gesten der Befreiung nach dem Ende der Geschichte, wie sie in der
Popkultur und durch reisende Bilder verbreitet werden. Der Film handelt von der Epoche des November, in der die Revolution vorbei zu sein scheint, und nur ihre Gesten weiter zirkulieren.

Agamben, G. (2000) 'Notes on Politics' Means Without End: (Theory Out of Bounds, V. 20), trans Binetti, V & Casarino, C University of Minnesota Press.


La dialectique peut-elle casser des briques (Can dialectics break bricks ? / Kann die Dialektik Ziegelsteine zerbrechen?)
René Viénet & Gerard Cohen, F 1973, Französische Originalfassung
mit englischen Untertiteln, 90 Minuten, VHS.

„Stellen Sie sich einen Kung-Fu-Film vor, in dem die Kampfkünstler situationistische Aphorismen über die Überwindung der Entfremdung von sich geben, während dekadente Bürokraten sich ironisch über eine abgewürgte Revolution auslassen. Genau das begegnet Ihnen in René Viénets greller Zweckentfremdung eines chinesischen
Faustkampffilmes. Viénet, ein einflussreicher Situationist, entfernte den Soundtrack von dem mittelmäßigen Hong Kong-Export und pappte seine eigenen wahnwitzigen Dialoge darauf. (...) Eine brilliante, bittere und aufrührerische Kritik am Scheitern des Sozialismus, worin die Kampfkünstler ideologische Rückschläge durch theoretische Vorstöße nach Debord, Reich und anderen kontern. (...) Viénet zielt auch auf den Mechanismus des Kinos und die Art,
wie dieser der Ideologie dient.“ (Pacific Film Archive, Berkeley 1992)

In Anwesenheit von Hito Steyerl.


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